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Neue Hoffnung
melden Ärzten der Universitätsklinik Tübingen am 21. 12.2009
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Sie haben erblindeten Patienten wieder eine
einfache Form des Sehens ermöglicht. Der Durchbruch gelang
durch das Einpflanzen eines Mikrochips unter die Netzhaut.
Um das Wunder zu begreifen, das Miika
widerfahren ist, muss man zunächst einmal wissen, in welchem
Schattenreich er lebt. "Mein Leben gleicht einer Fahrt
durch dichten Nebel", sagt der 45-jährige Finne.
Seine
Augen nehmen die Welt nur als helle und dunkle Schwaden wahr,
ohne Konturen und Farben. "Vor meinen Augen wabern
Schatten, die keinen klaren Umriss besitzen".
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FOTO: Das Implantat verfügt über
1500 Photozellen, die auf einem drei mal drei Millimeter winzigen
Mikrochip untergebracht sind. |
Seit seinem 22. Lebensjahr ist das schon so. Denn
Miika, der nur bei seinem Vornamen genannt werden möchte, leidet an der
Erbkrankheit Retinitis pigmentosa, bei der das Augenlicht langsam
verschwindet. Doch vor kurzem hat sich der Schleier vorübergehend
gelichtet. Ein Video existiert von einem Glücksmoment, den er dabei
erlebte. Miika sitzt vor einer Banane und einem Apfel und sagt:
"Der eine Gegenstand ist rund, der andere länglich."
Wie gebannt beobachten die Ärzte ihn bei dem
Experiment. "Irgendwie ist der Gegenstand gekrümmt", fährt
Miika fort. Er zögert ein wenig. Dann ist er sich sicher: "eine
Banane". Nach einem kurzen Moment der Überraschung brandet Beifall
auf in dem kleinen Versuchszimmer im zweiten Stock der
Universitäts-Augenklinik in Tübingen. Auf einmal sieht der
Internetunternehmer die Welt mit einem Kunstauge, mit einer Netzhaut aus
Silizium - ein digitales Wiedersehen.
In einer vierstündigen Operation hatten ihm die
Mediziner einen Chip unter die Netzhaut geschoben, mit einem Kabel
daran, das hinter seinem Ohr aus dem Körper trat. Über diese Leitung
konnte der Augenarzt Eberhart Zrenner den Computerchip in Miikas Auge
ansteuern. Durch Knopfdruck brachte der Wissenschaftler den ewigen Nebel
zum Verschwinden. Das gelungene Experiment ist eine medizinische
Sensation. Schon seit zwei Jahrzehnten experimentieren mehr als ein
Dutzend Forschergruppen mit Sehprothesen, die erblindeten Menschen
wieder eine optische Orientierung bieten sollen.
Lange Zeit gab es auf dem Gebiet nur bescheidene
Fortschritte. Doch nun kommt Bewegung in das Forschungsfeld. Erfolge
feierten jüngst beispielsweise US-Forscher des Unternehmens Second
Sight. Ihre Patienten müssen allerdings eine Spezialbrille mit
eingebauter Kamera tragen, deren Bilder kabellos an ein
Netzhautimplantat übertragen werden. Bei der Tübinger Technik ist
keine Brille notwendig. Ein Chip unter der Netzhaut übernimmt die
Signalverarbeitung.
Die deutschen Forscher warten mit einem wirklichen
Durchbruch auf: "Wir konnten bei Miika zeigen, dass er mit Hilfe
der Sehprothese die Grenze überschritten hatte, jenseits deren er
rechtlich nicht mehr als blind gilt", verkündete Zrenner jüngst
stolz auf einem Fachkongress in Miami.
Vor 15 Jahren hatte das Team aus Physiologen,
Ingenieuren, Chirurgen und Materialwissenschaftlern damit begonnen, nach
technischen Behandlungsmöglichkeiten für Menschen zu suchen, deren
Netzhautzellen nach und nach untergehen.
Tausende Deutsche erblinden jedes Jahr wegen einer
Netzhautdegeneration, sei es aus Altersgründen oder als Folge einer
erblichen Krankheit. Zrenner: "Der Leidensdruck für diese Menschen
ist riesengroß."
Doch nun gibt es Hoffnung, und sie hängt an rund
1500 Photozellen. Diese sind auf einem winzigen Mikrochip untergebracht,
der nur drei mal drei Millimeter misst. "Unsere Erfindung ähnelt
jenen Chips, die auch in Handykameras untergebracht sind", erklärt
Walter Wrobel, Vorstandschef der Reutlinger Firma Retina Implant, die
das Implantat auf den Markt bringen soll.
Finanziell unterstützt wird die Arbeit vom
Bundesforschungsministerium sowie deutschen Unternehmern, die mit
etlichen Millionen Euro in das Projekt eingestiegen sind. Das Geld
fließt vor allem in die Entwicklung des Chips und die klinischen
Studien. "Wir müssen das Material robust genug für den Einsatz im
Körper machen", sagt Wrobel.
Ein Überzug aus Plastik soll die Photozellen
schützen gegen die salzhaltigen Körperflüssigkeiten. Der Sensor muss
aber gleichzeitig klein genug sein, um die abgestorbenen
lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut zu ersetzen. Wrobel: "Uns
helfen dabei Erfahrungen aus der Entwicklung von Herzschrittmachern und
Innenohrimplantaten."
Gleichwohl sind die Eingriffe im Auge kühne
Pioniertaten. Bislang bei elf Patienten haben die Tübinger die
Spezialchips eingesetzt. Der älteste war 57, der jüngste 26 Jahre alt.
Lange hatten die Operateure an Schweinen geübt, erst danach trauten sie
sich an den Menschen. Zunächst saugten die Chirurgen die Flüssigkeit
des Augeninnern aus. Von der Seite eröffneten sie die Aderhaut des
Auges, nachdem sie das stark durchblutete Gewebe mit Hitze verödet
hatten. Schließlich schoben sie den Chip samt Kabel zwischen Aderhaut
und Netzhaut hindurch bis zu jenem Punkt vor, wo der Mensch am
schärfsten sehen kann.
Die eigentliche Herausforderung beginnt erst drei,
vier Tage nach der OP. Denn das Auge und das Gehirn müssen das Sehen
erst wieder erlernen. Patient Miika kann sich noch gut an den Moment
erinnern, als Zrenner den Sehchip angeknipst hat. "Plötzlich sah
ich wieder scharfe Objekte vor mir", berichtet der Finne. Doch sie
ergaben keinen Sinn. "Sie hüpften vor meinem Auge auf und
ab."
Zrenner war darüber nicht überrascht: "Das
Auge muss erst einmal wieder im Einklang mit dem Gehirn schaffen, den
Blick auf bestimmte Dinge zu richten." Im Laufe mehrerer Stunden
aber nahmen die Objekte, etwa Messer und Gabel, vertraute Formen an.
Miika konnte sogar Schreibfehler in seinem Namen
erkennen: in Buchstaben von etwa fünf bis acht Zentimeter Größe.
Schließlich führte Zrenner seinen Patienten in den großen Hörsaal
des Uni-Klinikums, wo mehrere Medizinerkollegen bereits warteten.
"Ich sah ihre Silhouette ganz deutlich", erinnert sich Miika.
"Ich konnte sagen, wer von ihnen größer und wer kleiner
war." Vorsichtig lief Miika auf die Personen zu - ohne den weißen
Stock, den er gewöhnlich tragen muss.
Für Sehende hat Wrobel eigens eine Spezialbrille
gebastelt, die anschaulich machen soll, was ehemals Blinde mit Hilfe des
Sehchips wahrnehmen können. Das Bild ist winzig, grob und grau - doch
für einen Blinden ist das eine neue, aufregende Welt. "Wir haben
uns bewusst dazu entschieden, den Chip unter die Netzhaut zu
implantieren", sagt Zrenner. Durch diesen Eingriff lässt sich ein
großer Teil der Bildverarbeitung in den Nervenzellen der inneren
Netzhaut nutzen, die auch bei Blinden meistens noch intakt sind.
Andere Forschergruppen hingegen müssen eine äußere
Kamera einsetzen, um die Bilder aufzufangen. Weltweit führend bei
dieser Technik ist das US-Unternehmen Second Sight mit Sitz im Sylmar im
Norden von Los Angeles. Argus II heißt das aktuelle Implantat der
Firma, es soll schon im kommenden Jahr als medizinisches Hilfsgerät
für rund 100.000 Dollar in den USA und Europa zugelassen werden. Anders
als bei den Tübinger Forschern ist der amerikanische Sehapparat
allerdings nur mit bescheidenen 60 Elektroden bestückt, die für eine
Bildauflösung von etwa acht mal acht Punkten sorgen. Der Chip des
Geräts liegt auch nicht unter, sondern auf der Netzhaut. Die Elektroden
des Implantats reizen die dort vorhandenen Nervenzellen.
Seit Ende 2006 führt das Unternehmen eine klinische
Studie mit 32 Patienten aus den USA, Mexiko und Europa durch.
Der Vorteil des US-Systems: Argus II kann über Jahre
in den Augen der Patienten bleiben. Die Blinden können das Implantat
daher nicht nur in der Klinik ausprobieren, sondern in ihrem Alltag
testen. "Viele Patienten berichten uns, dass sie sich besser
orientieren können, dass sie Türen und Fenster finden und Bewegungen
wahrnehmen", sagt Brian Mech von Second Sight. Vorläufige Daten
zeigten zudem, dass die meisten der Probanden große Buchstaben lesen
könnten.
Allerdings warnen die Experten vor überzogenen
Erwartungen: "Selbst starke Kontraste können die meisten Patienten
erst nach Monaten richtig interpretieren", betont die Augenärztin
Jacque Duncan von der University of California in San Francisco (UCSF),
wo Second-Sight-Patienten betreut werden. "Meine Patienten
genießen es, bei der Studie mitzumachen; ihren Alltag hat das Implantat
jedoch nicht wesentlich verändert." "Die Begeisterung der
Leute fällt sehr unterschiedlich aus", gesteht Mech.
"Allerdings haben wir keinen Patienten, dem es gar nicht gefallen
hat." Mancher Proband lasse das Gerät gar den ganzen Tag über
eingeschaltet.
Dean Lloyd ist einer seiner Vorzeigepatienten. Der
68-jährige Anwalt hat seine Kanzlei im kalifornischen Palo Alto. Seiner
Arbeit kann der an Retinitis pigmentosa erkrankte Mann nur nachgehen,
weil ihm seine Sekretärin Akten vorliest. Lloyd trägt Anzug,
gemusterte Krawatte und Cowboystiefel. Auf seiner Nase sitzt eine große
Sonnenbrille, in deren Steg eine winzige Videokamera eingelassen ist -
sie liefert die Bilder, die ihm das rudimentäre Seherlebnis
ermöglichen.
In einer über drei Stunden dauernden Operation haben
Chirurgen der UCSF die Elektroden auf Lloyds rechter Netzhaut befestigt.
Das Implantat empfängt Daten von einem Minicomputer,
den der Jurist am Gürtel trägt und der die Videosignale der
Brillenkamera in Elektroimpulse umwandelt. Regelmäßig trifft Lloyd
sich mit Augenärztin Duncan. Der Patient lernt, auf einem
Computerbildschirm auf weiße Punkte zu zeigen. Er lernt, ein Dreieck
von einem Quadrat zu unterscheiden und Linien auf dem Monitor zu
erkennen.
"Zunächst war das Implantat ziemlich
nutzlos", erinnert sich Lloyd. "Ich habe erwartet, Bilder zu
erkennen; aber so ist es nicht." Stattdessen sieht er Blitze,
"wie aufleuchtende Sterne am Nachthimmel". Die Augen seiner
Mitmenschen nimmt Lloyd wahr, weil die Tränenflüssigkeit reflektiert,
"wie bei einer Katze, die man im Dunkeln anleuchtet". Formen,
Ränder und Begrenzungen erkennt er als aufblitzende Linien.
Will er die Umgebung scannen, muss er ständig den
Kopf hin- und herdrehen: Die Videokamera filmt nur starr nach vorn.
"Ich bewege meinen Kopf wie ein Huhn", sagt er lachend. Lloyd
redet gern über die Erfolge der Wissenschaft, über die Sehrinde und
die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Gehirns. Dabei kritzelt er
ständig kleine Kreise auf ein Papier. "Ich erinnere mich an die
Bilder der Vergangenheit", erläutert er. "Sie helfen mir, die
Signale der Elektroden richtig zu interpretieren."
Etwa dann, wenn er einen Bürgersteig entlanggeht:
Das Hellgrau des Trottoirs hebt sich ab vom dunkleren Gras und vom
schwarzen Asphalt. So findet Lloyd seinen Weg. Strümpfe kann er in
weiße, graue und schwarze Paare sortieren.
Selbst einige Farben kann er mittlerweile erkennen;
das Blau sei ein "durchschimmerndes Himmelblau", das Grün
heller als normal, das Rot strahle in der Farbe von Rubinen. "Das
alles geht nur mit einiger Erfahrung", sagt Lloyd nicht ohne Stolz,
"aber inzwischen macht es das Leben deutlich angenehmer."
Der Tübinger Patient Miika konnte mit seiner
digitalen Sehhilfe zwar schärfer sehen als sein Leidensgenosse Lloyd,
doch vorerst nicht auf Dauer. Einige Wochen nach der Operation wurde ihm
der Chip wieder entfernt. Dies war eine Auflage der Ethikkommission der
Uni Tübingen: Am Anfang der Experimente lagen noch zu wenig
Informationen über die Langzeitverträglichkeit des Implantats vor.
Für Miika war das ein trauriger Moment. "Ich würde mich so gern
wieder einigermaßen orientieren können, einfach nach draußen, ohne
Helfer und ohne die Angst, irgendetwas auf dem Weg zu übersehen."
Schon im kommenden Jahr will Zrenner gleich zwei
Dutzend Patienten mit neuen, drahtlosen Sehchips versorgen. Dann sollen
sie auf Dauer in den Augen bleiben. Miika: "Ich warte sehnsüchtig
darauf."
Quellen:
http://magazine.web.de/de/themen/gesundheit/krankheiten/9571024-Hoffnungsschimmer-fuer-fast-Blinde.html
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,667959,00.html |